Der hl. Alfons Maria von Liguori schreibt über die Barmherzigkeit Gottes:
Gott ist so geneigt, seine Gnaden uns mitzuteilen, daß, mit dem hl. Augustinus zu reden, sein Verlangen, sie uns zu geben, stärker ist als unsere Sehnsucht, sie von Ihm zu empfangen. Der Grund ist, weil es der Güte wesentlich ist, sich mitzuteilen: est sui diffusiva, sagen die Philosophen, sie hat den Drang in sich, in Wohltun für andere sich zu ergießen. Deshalb hat Gott, die unendliche Güte, ein unendliches Verlangen, sich uns, seinen Geschöpfen, mitzuteilen und seiner Güter uns teilhaftig zu machen. Das ist auch der Grund von der großen Barmherzigkeit, die der Herr mit unseren Nöten hat. Den Erdkreis nennt David voll der göttlichen Barmherzigkeit; nicht aber voll der göttlichen Gerechtigkeit; denn Gerechtigkeit übt Gott durch Bestrafung der Übeltäter nur dann, wenn es zum Heile dient und Er gleichsam dazu gezwungen wird; dagegen übt Er zu jeder Zeit gern und freigebig Barmherzigkeit gegen alle; darum sagt der hl. Jakobus: "Die Barmherzigkeit ist erhaben über das Gericht" (Jak 2,13). Die Barmherzigkeit entwindet der Gerechtigkeit häufig die den Sündern bereiteten Geißeln und erwirkt ihnen Verzeihung. Deshalb heißt Gott beim Propheten die Barmherzigkeit selbst: "Deus meus misericordia mea: mein Gott und meine Barmherzigkeit" (Ps 58,18). Und wieder betet derselbe Prophet: "Um deines Namens willen, o Herr, sei gnädig meiner Sünde" (Ps 24,11). O Herr, vergib mir um deines Namens willen; Du bist ja die Barmherzigkeit selbst. Das Bestrafen ist nach Isaias nicht ein Werk nach dem Herzen Gottes, sondern Ihm fremd und ferne d.h. seiner Neigung entgegen: "Der Herr wird zürnen, daß Er sein Werk tue, sein befremdendes Werk... sein ungewöhnliches Werk" (Is 28, 21). Seine große Barmherzigkeit endlich hat Ihn bewogen, seinen Sohn in die Welt zu senden, um Mensch zu werden und durch seinen Kreuzestod uns vom ewigen Tode zu erlösen. Darum sagt Zacharias in seinem Lobgesang: "Durch die innerste Barmherzigkeit unseres Gottes, in welcher uns heimgesucht hat der Aufgang von der Höhe" (Lk 1,78). "Per viscera misericordiae: durch die innerste Barmherzigkeit;" d.h. durch eine Barmherzigkeit, die aus dem Grunde des Herzens Gottes hervorgeht, weil Gott lieber seinen Sohn Mensch werden und sterben, als uns verloren sehen wollte.
Um zu erkennen, welches Mitleid Gott mit uns hat und welches Verlangen, uns Gutes zu erweisen, genügt es, die wenigen Worte zu lesen, die Er im Evangelium an uns richtet: "Bittet und es wird euch gegeben werden" (Mt 7, 7). Wenn ein Freund dem anderen seine Liebe beweisen will, kann er mehr sagen als: Bitte um was du willst: ich will es dir geben? Dies aber sagt Gott zu jedem von uns. Im Hinblick auf unsere Nöten lädt Er mit der Verheißung seiner Hilfe uns zu sich ein: "Kommet zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; Ich will euch erquicken" (Mt 11, 28). Die Juden beklagten sich einst über Gott und erklärten, Ihn fürder nicht mehr um Gnaden bitten zu wollen; da sprach der Herr zu Jeremias: "Bin Ich denn für Israel zu einer Wüste geworden oder zu einem Land, das späte Früchte bringt? Warum spricht denn mein Volk: wir sind abgewichen, wir wollen nicht mehr zu Dir kommen? (Jer 2, 31) Damit wollte der Herr zeigen, wie ungerecht das Benehmen der Juden gegen Ihn sei, da Er jeden, der zu Ihm seine Zuflucht nimmt, allezeit und unverzüglich tröste. Dies hat Gott auch schon durch Isaias erklärt: "Wenn du rufst, antwortet Er dir, sobald Er dich hört" (Is 30, 19).
Du bist ein Sünder; willst du Verzeihung? Verzage nicht, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, denn Gott hat ein größeres Verlangen, dir zu verzeihen als du, Verzeihung zu erhalten. Sieht aber Gott jemanden in der Sünde verharren, so wartet Er, bis Er Barmherzigkeit erweisen kann. "Es wartet der Herr, um sich euer zu erbarmen" (Is 30, 18). Inzwischen zeigt Er ihm die Strafe, die seiner wartet, damit er in sich gehe: "Denen, die Dich fürchten, gabst Du ein Zeichen, um zu fliehen vor dem Bogen, damit gerettet würden deine Geliebten" (Ps 59, 6). Bald erscheint Er an der Türe seines Herzens und klopft, damit er ihm öffne: "Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe" (Apk 3, 20). Bald geht Er ihm nach und ruft: "Warum sollt ihr sterben, Haus Israel?" (Ez 18, 31) Als wollte Er ihm mitleidsvoll zurufen: Sohn, warum willst du dich denn ins Verderben stürzen? Ja, so weit geht Gott, wie der heilige Dionysius der Areopagite lehrt, daß Er den Sünder bittet, sich nicht ins Verderben zu stürzen; und dies sagt auch der Apostel, wenn er die Sünder an Christi Statt bittet, sich mit Christo zu versöhnen: "Wir bitten an Christi Statt, versöhnt euch mit Gott" (2 Kor 5, 20). Hierzu bemerkt der heilige Chrysostomus: Christus selbst bittet euch; um was bittet Er? "Versöhnt euch mit Gott."
Wenn aber einige dennoch verstockt bleiben wollen, was soll dann der Herr noch mehr tun? Schließlich läßt er alle wissen, daß Er keinen, der reuig zu Ihm kommt, zurückweisen werde: "Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen" (Joh 6, 37). Er erklärt seine Bereitwilligkeit, jeden, der sich an Ihn wendet, aufzunehmen: "Bekehrt euch zu Mir... und Ich werde Mich zu euch kehren" (Zach 1, 3). Er verspricht, jedem bußfertigen Sünder zu verzeihen und seiner Sünden nicht mehr zu gedenken: "Wenn aber der Gottlose Buße tut über alle seine Sünden, die er begangen hat, so soll er leben; Ich will all seiner Missetaten nicht mehr gedenken" (Ez 18, 21.22).
Er geht so weit, daß Er erklärt: "Kommet und klaget über Mich; wenn eure Sünden wie Scharlach wären, so sollen sie weiß werden wie Schnee" (Is 1, 18). "Klaget" d.h. kommt reuevoll zu Mir, und wenn Ich euch nicht aufnehme, so tadelt Mich als einen Wortbrüchigen!
Aber nein, der Herr kann ein zerknirschtes Herz nicht zurückweisen: "Ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wirst Du, o Gott, nicht verachten" (Ps 50, 19). Beim heiligen Lukas ist zu lesen, mit welcher Freude Er das verlorene Schäflein umfing, und mit welcher Liebe Er den verlorenen Sohn aufnahm, als dieser reumütig zu Ihm zurückkehrte. Und Gott beteuert sogar, daß im Himmel größere Freude sei über einen bußfertigen Sünder als über neunundneunzig unschuldige Gerechte: "Ich sage euch, ebenso wird auch im Himmel Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen" (Lk 15, 5.7. 20). Der Grund hiervon ist nach dem heiligen Gregor, weil bußfertige Sünder Gott meist feuriger lieben als laue Gerechte.
Mein Jesus, da Du mich so langmütig erwartet und so liebevoll mir, wie ich hoffe, verziehen hast, so will ich Dich vollkommen lieben, aber diese Liebe hast Du mir zu verleihen; gib sie mir, mein Herr: eine geringe Ehre wäre es für Dich, wenn ein von Dir so begünstigter Sünder nur eine geringe Liebe gegen Dich hegte. Mein Jesus, wann werde ich anfangen, gegen Dich dankbar zu sein, wie Du gegen mich gütig warst? Seither hast Du von mir statt des Dankes Beleidigungen und Geringschätzung erfahren. Soll ich etwa fortfahren, Dich so zu behandeln, Dich, der alles aufbot, meine Liebe zu gewinnen? Nein, mein Heiland, ich will Dich fortan von ganzem Herzen lieben und Dich nicht mehr beleidigen. Du befiehlst mir, Dich zu lieben, und ich verlange nichts anderes, als Dich zu lieben. Du suchst mich, und ich suche nichts als Dich. Gewähre mir deinen Beistand, ohne den ich nichts vermag. O Maria, o Mutter der Barmherzigkeit, ziehe mich ganz zu Gott hin.
Es handelt sich um das 16. Kapitel aus seinem Werk
"Elemente einer Spiritualität der Liebe"

das man kostenlos hier bestellen kann:
www.apostolat.de
Das darauffolgende 17. Kapitel geht über das Vertrauen auf Jesus Christus. Das vollkommene Vertrauen auf Gott ist unsere Antwort auf seine Barmherzigkeit. Deshalb wollen wir hier auch dieses Kapitel wiedergeben:
17. Von dem Vertrauen auf Jesus Christus
Die Barmherzigkeit Jesu Christi gegen uns ist, wie im vorigen Kapitel gesagt worden, über die Maßen groß; auf diese Barmherzigkeit sollen wir aber S so will es Jesus zu unserem größeren Heile S mit lebendigem Vertrauen hoffen, gestützt auf seine Verdienste und seine Verheißungen. Deshalb empfiehlt uns der heilige Paulus, dieses Vertrauen, da es großen Lohn von Gott erlange, zu bewahren: "Verliert also euer Vertrauen nicht, das eine große Belohnung hat" (Hebr 10, 35). Wenn daher die Furcht vor den göttlichen Gerichten das Vertrauen in uns schwächen will, so sollen wir dieselbe verbannen und zu uns sprechen, wie der gelehrte Xaver Mattei in seiner ausgezeichneten metrischen Psalmenübersetzung über die Worte des Psalms 42: "Warum bist du traurig meine Seele..." singt:
"Und weißt du nicht zu hoffen?
Warum, o Herz, dies Beben?
Darfst nicht in Sorgen schweben,
Scheuch Angst und Furcht von dir!
Was störst du meinen Frieden?
Hoff auf den Herrn, dein Leben,
Daß einst noch seine Güte
Wir preisen für und für."
Der Herr offenbarte der heiligen Gertrud, unser Vertrauen tue Ihm solche Gewalt an, daß Er uns nichts versagen könne, um was wir Ihn bitten. Dasselbe sagt der heilige Klimakus: Oratio pia Deo vim infert (Scal. gr. 28). Jedes vertrauensvolle Gebet tut Gott eine Gewalt an, aber eine Gewalt, die Ihm angenehm und willkommen ist. Darum vergleicht der heilige Bernhard die göttliche Barmherzigkeit mit einer unerschöpflichen Quelle, aus der man desto reichlichere Gnaden schöpfe, je größer das Gefäß ist, mit dem man erscheint. Dies stimmt auch mit den Worten des Psalmisten überein: "Deine Barmherzigkeit, Herr, sei über uns, gleichwie wir auf Dich hoffen" (Ps 32, 22).
Gott verheißt, daß Er alle, die auf Ihn vertrauen, beschütze und rette: "Ein Beschützer ist Er allen, die auf Ihn hoffen" (Ps 17, 31). "Der Du rettest, die auf Dich hoffen" (Ps 16, 7). Es sollen sich daher, ruft David aus, alle freuen, die auf Dich, o Gott, hoffen; denn sie werden in Ewigkeit selig sein und immerdar wirst Du in ihnen wohnen. Und derselbe Prophet sagt: "Wer auf den Herrn vertraut, den wird Barmherzigkeit umgeben" (Ps 31, 10). Wer auf den Herrn vertraut, wird von seiner Barmherzigkeit umgeben und behütet werden, daß er gegen alle Gefahr, verloren zu gehen, gesichert ist.
O welch große Verheißungen sind in der Heiligen Schrift denen gemacht, die auf Gott hoffen! Haben wir durch unsere Sünden uns ins Verderben gestürzt: siehe hier ist Rettung: laßt uns mit dem Apostel zu Jesu Füßen eilen, dort werden wir Verzeihung finden! "Darum lasset uns mit Zuversicht hinzutreten zum Throne der Gnaden, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden, wenn wir Hilfe nötig haben!" (Hebr 4, 16) Laßt uns nicht warten und erst dann zu Jesus gehen, wenn Er als Richter auf einem Throne der Gerechtigkeit erscheint; laßt uns unverweilt gehen jetzt, da Er auf einem Gnadenthrone sitzt. Das Verlangen unseres Heilands, uns zu verzeihen, ist nach dem heiligen Johannes Chrysostomus größer als unsere Sehnsucht, Verzeihung zu erhalten.
Aber, wendet ein Sünder ein, ich verdiene nicht, erhört zu werden, wenn ich um Verzeihung bitte. Ich antworte: wenn ihm Verdienste fehlen, so erlangt ihm sein Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit die Gnade; denn die Verzeihung hat ihren Grund nicht in seinem Verdienst, sondern in der Verheißung Gottes, dem Reumütigen zu verzeihen; darum versichert Jesus Christus: "Jeder, der bittet, empfängt" (Lk 11, 10). Hierzu bemerkt der Verfasser des opus imperfectum, das Wort "jeder" erklärend: Omnis, sive justus sive peccator: Jeder, der Sünder wie der Gerechte, wenn er nur mit Vertrauen bittet. Vernehmen wir aus dem Munde Jesu selbst, wie viel das Vertrauen vermag: "Was immer ihr im Gebet begehrt, glaubt nur, daß ihr es erhaltet, so wird es euch werden" (Mk 11, 24).
Wer aber in Anbetracht seiner Schwachheit in die alten Sünden zurückzufallen fürchtet, der vertraue auf Gott, und er wird nicht zurückfallen, nach der Versicherung des Propheten: "Alle, die auf Ihn vertrauen, werden nicht irre gehen" (Ps 33, 23). Die auf den Herrn vertrauen, sagt Isaias, ändern ihre Kraft, d.h. erlangen eine neue Kraft: "Die auf den Herrn hoffen, ändern ihre Kraft" (Is 40, 31). So stehen wir denn fest und wanken wir nicht im Vertrauen, wie der heilige Paulus sagt; denn Gott hat jedem, der auf Ihn hofft, seinen Schutz verheißen; ist daher etwas, wie es uns vorkommt, recht schwer zu überwinden, dann laßt uns sprechen: "Ich vermag alles in Dem, der mich stärkt" (Phil 4, 13). Wer hat jemals auf Gott vertraut und ist verlorengegangen? "Keiner, der auf den Herrn gehofft, ist zu Schanden geworden." Suchen wir aber nicht immer ein fühlbares Vertrauen zu haben; der Wille, zu vertrauen, genügt. Das wahre Vertrauen ist eine Sache des Willens, ein auf Gott vertrauen wollen, weil Er gütig ist und uns helfen will; weil Er mächtig ist und uns helfen kann; weil Er treu ist und uns seine Hilfe verheißen hat. Prägen wir uns vor allem recht tief die Verheißung Jesu Christi ein: "Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bitten werdet, so wird Er es euch geben" (Joh 16, 23). Bitten wir also Gott um Gnaden durch die Verdienste Jesu Christi, und wir werden alles, was wir wünschen, erlangen.
O ewiger Gott, ich weiß gar wohl, daß ich an allem arm bin: ich kann nichts und habe nichts, was mir nicht aus deinen Händen zugekommen wäre. Ich rufe darum nur: Herr, erbarme Dich meiner! Das Schlimmste ist noch, daß ich zu meiner Armut die Schuld gefügt habe, da ich Dir die Gnaden mit Unbilden vergalt. Doch bei all dem will ich von deiner Güte einen doppelten Erweis von Erbarmen hoffen: vorerst nämlich Verzeihung meiner Sünden und dann Verleihung der heiligen Beharrlichkeit in deiner Liebe und der Gnade, Dich ohne Unterlaß bis zum Tode um deinen Beistand zu bitten. Dies alles begehre und hoffe ich von Dir durch die Verdienste deines Sohnes Jesus und der allerseligsten Jungfrau Maria. O meine große Fürsprecherin, komm mir mit deinen Bitten zu Hilfe.
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